Webentwickler, Agentur oder Baukasten? Was passt zu deinem Unternehmen?

Von Emre Sakalli · Mai 2026 · 8 Min. Lesezeit

Du brauchst eine neue Website und stehst vor der Grundsatzentscheidung: Selber machen mit Baukasten, einen Freelancer beauftragen oder gleich eine Agentur? Alle drei Wege funktionieren, aber nicht für jeden Unternehmer und nicht für jedes Projekt. Dieser Artikel zeigt dir, welcher Weg wann sinnvoll ist und was die ehrlichen Vor- und Nachteile sind.

Ich habe in den letzten Jahren mit allen drei Modellen gearbeitet, als Kunde, als Freelancer und mit Agentur-Partnern. Hier ist die unaufgehübschte Wahrheit.

Die drei Optionen in einem Satz

Baukasten: Du baust selber, mit fertigen Bausteinen. Schnell und günstig im Start, dauerhafte Mietkosten.

Freelancer: Du bekommst einen Profi, der dein Projekt direkt umsetzt. Mittlerer Preis, direkter Draht, individuelles Ergebnis.

Agentur: Du bezahlst ein Team aus Designern, Entwicklern, Projektmanagern. Hoher Preis, viel Struktur, für komplexe Vorhaben.

Vergleich auf einen Blick

KriteriumBaukastenFreelancerAgentur
Einstiegspreis0-20€/Monat149-2.500€5.000-50.000€
Laufende Kosten15-50€/Monat5-30€/Monat (Hosting)50-300€/Monat (Wartung)
Zeit bis Launch1-7 Tage (selbst)7-21 Tage4-12 Wochen
KontrolleMittelHochNiedrig (lange Wege)
IndividualitätNiedrigHochSehr hoch
PerformanceMittelHochHoch
SEO-TauglichkeitMittelHochHoch
SkalierbarkeitBegrenztGutSehr gut
Eigentum am CodeNeinJaVerhandelbar

Option 1: Baukasten (Wix, Jimdo, Squarespace, Wordpress.com)

Wann das passt

Baukästen sind sinnvoll, wenn du kein Budget hast und kein Risiko eingehen willst. Klassische Anwendungsfälle:

Vorteile

Nachteile

Kosten ehrlich gerechnet

Auf den ersten Blick: 15€/Monat. Schön. Auf 5 Jahre gerechnet: 900€. Plus Domain. Plus Premium-Features, die nachträglich nötig werden (Webshop, Mehrsprachigkeit, eigene Schriftarten). Realistisch landen die meisten Baukasten-Nutzer bei 1.500-3.000€ über 5 Jahre, ohne dass die Seite besser wird.

Option 2: Freelancer / Webentwickler

Wann das passt

Für die meisten Kleinunternehmen und Mittelständler bis ca. 50 Mitarbeiter ist ein Freelancer die vernünftigste Option. Klassische Fälle:

Vorteile

Nachteile

Was du achten musst

Nicht jeder Freelancer ist gleich. Achte auf Referenzen, Festpreis-Angebote, klare Kommunikation. Eine ausführliche Checkliste findest du im Artikel Wie finde ich den richtigen Webentwickler?.

Option 3: Agentur

Wann das passt

Agenturen sind dann sinnvoll, wenn dein Projekt so groß oder komplex ist, dass ein Einzelner es nicht stemmen kann. Beispiele:

Vorteile

Nachteile

Faustregel: Wenn dein Projekt unter 5.000€ Budget hat, ist eine Agentur die falsche Wahl. Du bezahlst dann hauptsächlich Overhead. Ab 15.000€ wird's interessant. Unter 5.000€ und nicht selber machen wollen? Dann Freelancer.

Die Mischformen

Baukasten + Freelancer-Polish

Eine Variante, die selten genannt wird: Du startest mit einem Baukasten, lässt aber einen Freelancer das Design optimieren, SEO einrichten und Texte schreiben. Funktioniert für sehr kleine Budgets unter 500€. Aber: du bleibst bei den Baukasten-Beschränkungen hängen.

Freelancer-Netzwerk

Mehrere spezialisierte Freelancer arbeiten zusammen: einer macht Design, einer Code, einer SEO. Klingt nach Agentur, ist aber günstiger und flexibler. Voraussetzung: einer koordiniert. Das bin in meinen Projekten typischerweise ich. Du hast einen Ansprechpartner, im Hintergrund arbeitet ein kleines Netzwerk.

Welche Option passt zu welcher Unternehmensgröße?

1-5 Mitarbeiter (Solo, Mikro): Baukasten für Visitenkarten-Bedarf, Freelancer für echtes Marketing.

5-30 Mitarbeiter (kleiner Mittelstand): Klar Freelancer. Hier ist das Preis-Leistungs-Verhältnis am besten.

30-100 Mitarbeiter: Freelancer oder Freelancer-Netzwerk, bei komplexen Projekten gerne kleine Agentur.

100+ Mitarbeiter: Agentur oder eigenes Team. Komplexität und Compliance-Anforderungen sind meist zu hoch für einzelne Freelancer.

Was kostet welcher Weg auf 5 Jahre?

Rechnen wir am Beispiel einer typischen Business-Website (10 Seiten, mehrsprachig, Blog):

Über 5 Jahre kommt der Freelancer-Weg auf vergleichbare Kosten wie der Baukasten, liefert aber eine deutlich bessere Seite. Wer mehr zur Preisgestaltung wissen will, liest unseren Artikel Was kostet eine Website?.

Häufige Missverständnisse

"Agentur = höhere Qualität"

Falsch. Eine Agentur hat höhere Strukturkosten, aber nicht zwingend bessere Entwickler. Viele Agenturen lassen Junior-Entwickler unter Aufsicht eines Seniors arbeiten, während du einen erfahrenen Freelancer mit 10 Jahren Erfahrung direkt buchen könntest. Qualität hängt am Menschen, nicht an der Rechtsform.

"Freelancer = unzuverlässig"

Auch falsch. Ein etablierter Freelancer mit laufenden Kundenbeziehungen ist genauso zuverlässig wie eine Agentur. Was anders ist: bei Krankheit fällt die Reaktionszeit kurz aus. Lösung: such einen Freelancer mit Netzwerk, der notfalls Kollegen einbinden kann.

"Baukasten = nur für Anfänger"

Auch falsch. Es gibt durchaus professionell aufgebaute Baukasten-Seiten, die gut funktionieren. Das Problem ist nicht der Baukasten an sich, sondern dass die meisten Nutzer ihn nicht optimal nutzen.

"Je teurer, desto besser"

Nicht zwingend. Ein 20.000€-Agenturprojekt ist nicht automatisch besser als ein 2.000€-Freelancer-Projekt. Oft ist es umfangreicher und aufwendiger produziert, aber für eine 5-Personen-Firma vielleicht overkill. Wichtiger als der Preis: Passt das Angebot zu deinen Bedürfnissen?

Internationale Plattformen (Fiverr, Upwork, Freelancer.com)

Eine vierte Option, die viele KMU prüfen: Aufträge auf internationalen Plattformen vergeben. Theoretisch günstig (oft 50-200€ für eine Website). Praktisch:

Für sehr standardisierte Aufgaben (Logo-Design, einzelne Grafiken) kann Fiverr OK sein. Für eine ganze Website rate ich davon ab.

Selbstmachen: ein ehrliches Wort

Manche Unternehmer überlegen: "Ich nehm mir ein Wochenende und mach das selbst." Das funktioniert, wenn:

Es funktioniert nicht, wenn:

Realistisch: für ein 500€-Projekt brauchst du 30-50 Stunden Lernen und Bauen, wenn du Anfänger bist. Wenn dein Stundensatz höher ist als 10€, lohnt sich das nicht.

Praxis-Beispiele aus meinem Alltag

Beispiel 1: Yoga-Studio aus Köln

Inhaberin, eine Person, kein Marketing-Budget. Sie hat mit Wix angefangen, weil ihr ein Bekannter das empfohlen hat. Nach 2 Jahren kam sie zu mir: "Ich finde mich bei Google nicht, Kurs-Anmeldungen kommen nur über Instagram." Wir haben eine neue Seite gebaut (500€), Termin-Buchungstool integriert, lokales SEO aufgesetzt. Nach 3 Monaten kam der erste organische Klick über "Yoga Köln-Nippes". Heute kommen 40% der Neukunden über Google.

Was richtig war: Freelancer-Weg statt Wix-Premium-Paket. Was sie früher hätte machen müssen: nicht 2 Jahre auf "wird schon" warten.

Beispiel 2: B2B-Software-Anbieter aus München

10 Mitarbeiter, Spezial-Software für Logistik. Hatten eine Agentur-Website von 2018, neuer Marketing-Leiter wollte modernisieren. Agentur-Angebot: 35.000€ für Relaunch, 6 Monate Laufzeit. Ich habe Alternative gebaut: 4.500€, 5 Wochen, Multi-Page mit interaktiver Produkt-Tour. Funktional gleich gut, optisch besser, deutlich günstiger.

Was richtig war: nicht beim "Status-Anbieter" geblieben. Was sie hätten beachten müssen: Migration der bestehenden SEO-Rankings. Ich habe dafür eine Redirect-Liste aus 200+ URLs gemacht.

Beispiel 3: Versicherungsmakler aus Stuttgart

Einzelkämpfer mit 15 Jahren Erfahrung. Wollte "irgendwas einfaches" und hat mit Jimdo angefangen. Hat 4 Stunden investiert, war frustriert, hat aufgegeben. Hat dann mich gefragt: "Was ist die einfachste Lösung, die ich nicht selber machen muss?". Wir haben eine 3-seitige Website gemacht (350€), die seitdem läuft. Er hat in 4 Jahren nichts daran geändert. Funktioniert immer noch.

Was richtig war: ehrliche Selbsteinschätzung "Ich will das nicht selber machen". Lehre: nicht jeder Unternehmer hat Lust auf Tools, das ist ok.

Beispiel 4: Maschinenbau-Mittelständler aus Bielefeld

120 Mitarbeiter, internationaler Kundenkreis, komplexes Produktportfolio. Hier ging es nicht ohne Agentur: 5 Sprachen, Anbindung an SAP für Produktstammdaten, hochwertige 3D-Animationen, Whitepaper-Download-Strecke. Budget 45.000€, Laufzeit 5 Monate. Hat funktioniert.

Was richtig war: nicht versucht, das mit Freelancer-Budget zu machen. Komplexität rechtfertigt Agentur-Preise.

Mein Fazit

Für 90% der deutschen KMU ist ein erfahrener Freelancer die richtige Wahl. Du bekommst eine professionelle, individuelle Website zu Preisen, die mit einem Baukasten über 5 Jahre vergleichbar sind, aber ohne die Nachteile (langsame Performance, schlechtes SEO, Mietfalle). Du bekommst Festpreis statt Agentur-Stundensatz, direkten Kontakt statt Projektmanager-Telefonkette.

Ein Baukasten ist die richtige Wahl, wenn die Website kein wichtiger Vertriebskanal ist und Budget komplett fehlt. Eine Agentur ist die richtige Wahl, wenn du ein Konzern-Projekt ab 15.000€ hast oder strenge Compliance brauchst.

Wenn du jetzt schon weißt, dass Freelancer für dich Sinn ergibt, aber unsicher bist welcher: Lies unseren Artikel Wie finde ich den richtigen Webentwickler? mit Checkliste und Red Flags.

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